04 April 2010

Ein Perfekte Tag

Ich werde um acht Uhr wach, mache mir einen Kaffee, gehe duschen und ziehe mich an.
Dann setze ich mich an einen Schreibtisch - mit Blick auf einen wildwüchsigen Garten - und schreibe an meinem Roman.
Vor dem Mittagessen gehe ich laufen und ich bin schnell.
Danach gibt es einen kleinen Snack und ich ich gehe wieder zu meinem Roman. Abends gibt es ein Glas Rotwein im Garten und ich gehe schlafen.

28 März 2010

Schreibwerkstatt

Seit Anfang diesen Monats bin ich in einer Schreibwerkstatt und dem Rahme gibt es nicht nur die Hausaufgabe Texte zu schreiben, sondern auch solche zu lesen.
Die erste Hausaufgabe war die Souveräne Leserin zu lesen. In dem Buch kamen so viel Bücher vor, dass ich eine Liste der Autoren erstellt habe, die darin erwähnt werden.
Ich marschierte also mit der besagten Liste in meiner Hand in die Stadtteilbücherei des Westens und suchte und suchte und fand nicht. Kein Dickens, keine Mitford. Die im Buch genannten Helden der Weltliteratur waren entweder ausgeliehen oder nicht vorhanden.
Günther Grass hätte ich mit nach Hause nehmen können, aber da hatte ich
Vorurteile. Vor Jahren habe ich mich mal an der Blechtrommel versucht und bin über die ersten achtzig Seiten nie hinausgekommen - da war der Erziehungsfall für die Supernanny, Oskar noch nicht auf der Welt. Neulich habe ich mal den Film gesehen und unendliche Aggressionen in mir entdeckt. Ich wollte die ganze Zeit dieses Kind verprügeln.
Als Trost gab mir die Bibliothekarin meines Vertrauens Gabriel Garcia Marquez; Leben um davon zu erzählen.
Ein schönes Buch. Ein ermutigendes Buch, schreibt Marques doch über sich, dass er ein orthographischer Anarchist ist und bis heute nicht einsieht oder versteht warum manche Worte so und nicht anders geschrieben werden. Er bezeichnet sich als eine Herausforderung für alle Lektor, die gutmütig seine Skripte als Tippfehler korrigieren.
Es gibt Hoffnung für mich, jedenfalls aus orthographischer Sicht. Jetzt muss nur noch das Talentchen wachsen.


04 Januar 2010

Was auch immer man schreiben kann, es wurde bereits mindestens gedacht.

Ich sitze im Zug. An mir zieht die Landschaft vorbei, oder ziehe ich an der Landschaft vorbei? Da bin ich mir nie ganz sicher.

Im Zug scheinen die Fahrgäste wie die Bewohner einer eigenen Welt. Alle Alterklassen sind da, alle Sozialschichten und Hautfarben sind vertreten.

Vielleicht bleiben wir für immer hier drin, müssen unser eigenes Versorgungssystem aufbauen. Bei dem Platzmangel müssen wir vermutlich in Schichten schlafen. Menschen werden sich hier finden und Kinder bekommen und da wir Menschen sind werden wir vermutlich sehr schnell den ersten Krieg haben.

Der erste Krieg wird ein Volkskrieg sein. Wir alle gegen das Bordbistro. Das Personal hat sich dort in dem Augenblick verschanzt, als der wahnsinnig gewordene Zugführer uns mitteilt, dass es kein Anhalten und Aussteigen geben wird.

Sie versuchen uns zu erpressen. Sie fordern Kissen, Decken und medizinische Hilfsmittel und wir liefern ihnen alles, denn der Hunger ist groß. Für ein pappiges Sandwich und einen lauwarmen Kaffee geben Leute ihr Mac Book Pro. Ein i-pod ist nur ein Snickers wert.

Aber jetzt schlagen wir zurück Nun sind sie nicht mehr so mutig und großmäulig. Sie hocken in ihrem Verschlag und haben Angst. Gut so. Zittern sollen sie.

Sie haben nicht mit den Mitgliedern der Alkali gerechnet, die ihre Kofferbomben nun dem Allgemeinwohl zur Verfügung stellen. Erst glauben sie uns nicht, aber als die erste Toilette explodiert und ihnen ausser der winterlichen Kälte auch kleinen Bröckchen Fäkalien um die Ohren wehen, fangen sie an zu verhandeln.

Aber wir verhandeln nicht, wir wollen ihre totale Kapitulation. Der neue Lebensmittelverwalter ist ein katholischer Priester aus Indien, der hier seine erste Gemeinde übernehmen sollte, deutsche Priester sterben aus. Wir vertrauen ihm und er macht seinen Sache gut, aber auch er nutzt die neue Machtposition zu seinen Zwecken. Wer etwas essen will muss am Firmunterricht teilnehmen. Er hat uns alle kurzerhand zum Missionsfeld erklärt und ist mit Feuereifer bei der Sache.

Eine Weile geht das gut. Wir existieren friedlich und der durchgeknallte Logführer hät doch hin und wieder an um schlabbrige, pappige Lebensmittel und Getränke zu laden.

Er ist sich seiner Sterblichkeit bewusst geworden – wer leben will muss essen.

Nachdem alle Zeitungen gelesen und alle Konsalik-Romane auswendig gelernt wurden, frisst sich Langeweile durch die Wagons. Wir beginnen Abteilswopping zu betreiben und auf den Gängen herrscht ein wunderbares, durch Reibung wärmendes Gedrängel. Wie die Entdecker fremder Kontinente erforschen wir die Abteile und katalogisieren ihre Besonderheiten. Abteil 687 hat drei klemmende Fenster und vier Neonröhren sind defekt.

Auf unseren Expeditionen kommen wir zum Ende des Zuges und somit zu den Abteilen der ersten Klasse. Das gelobte Land. Breite Sessel, mehr Beinfreiheit es gibt sogar kleine Kissen und sieben Wolldecken. Hier ist alles größer – Schlaraffia.

Die Jungs von der Alkaida habensich hier verschanzt und im Windschatten ihres Neureichtums räkeln sich ein paar zwanzig jährige Mädels. Gestern noch waren sie ein Teil der zweiten Klasse, heute haben sie ihre Seelenlosen Körper für einen bequemen Sitz dargeboten. Diese Schlampen.


Der nächste Krieg steht vor der Tür. Das Volk macht mobil und das in der Bahn. Die Sitzregelung und die Benutzung der Kissen und Decken muss demokratisch geregelt werden und nicht von der Diktatur der Stärkeren.

Wir, das Volk haben keine Angst vor ihnen. Ihre Bärte schrecken uns nicht mehr. Sie haben Namen. Ahmed, Muhamad, Sahid und wie sie noch heißen, sind unsere ehemaligen Kampfgenossen gegen den Imperialismus der Bordbistroler. Wir haben Seite an Seite mit ihnen gekämpft, kennen ihre Waffen und die Menge der Munition.

Sie haben noch einen Molotowcockteil, drei Stiletmesser, zwei Butterfly Messer und zwanzig Dosen Tränengas. Die restliche Munition ist im Gepäckabteil in Sicherheit. Wir können es schaffen.

Zehn von uns, darunter eine Mutter mit Schlafmangel, ein Beamter der Versorgungseinheit der Bundeswehr und vier betrunkene Kegelschwestern, stürmen die Abteile. Sahid der den Molotowcockteil hat wird von der übergewichtigen Mutter von hinten mit einem Bodycheck niedergemäht. Er gibt sofort auf. Danach ist der Rest kein Problem mehr für uns.

Die Zugalkaida gibt auf und wir übergeben die Verwaltung der Decken, Kissen und Sitze an unseren Gefährten von der Bundeswehr. Er erstellt sofort Listen und Rotationspläne, Notfall und Se

onderfallregelungen.

Der Rest ist klar. Menschen werde sich auch im Zug finden und vermehren, einen Grund zum Krieg wird es immer geben.

Der Zugführer, der eine neue Welt schaffen wollte erkennt sein Scheitern. Es hat sich nichts geändert. Die Erde dreht sich und der Zug fährt. Die Menschen bleiben die gleichen, korrupt und ich-bezogen. Er stellt den Gashebel auf volle Kraft, wir rasen in den Tunnel, die Räder geben ein hohes Geräusch von sich und ich erwache mit einem Ruck aus meinem Traum.

08 November 2009

Still

Still, still, still weils Kindlein schlafen will. Stille Nacht, heilige Nacht. Klar die ersten Gedanken zum Thema. Jetzt noch schnell die Schlussfolgerung: bald ist Weihnachten.

Man soll still sein, sich besinnen. Vielleicht noch an die anderen, wer auch immer das ist, denken. Das ist anstrengend. Also schnell, schnell die nahen Anderen beschenken und die fernen Anderen bespenden. Immerhin spenden die wir Deutsche, trotz Börsencrash und Inflation, gerne und das vor allem in der Weihnachtszeit.

Aber mal weg von Weihnachten gedacht. Was ist Stille und wo kann ich sie kaufen?

Stille, das fernbleiben von Lärm, Krach, Hektik. Das bloße existieren im Augenblick ohne jegliche Eigenleistung. Keine hektischen Gedanken, was als nächstes kommt, kommen müsste oder getan werden sollte. Vor – sich- hin – Stoffwechseln und dabei ruhig sein. Jetzt nicht nervös werden.


Wo gibt es Stille?

Fern ab von jeder Autobahn und Landstraße mitten im Wald? Wie laut eine Sache ist, weiß man erst wenn man eine noch lauter Sache nicht mehr hört. Ich dachte immer im Wald sei es leise. Dann besuchte ich Freunde in Lippe auf einem Bauernhof. Fern ab von der letzten Straßenlaterne, mitten in der Nacht, machten wir eine Wanderung. Ich freute mich schon auf die Stille und dann hörte ich -unendlich laut- den Regen. Im Wald hört man einen Regentropfen mehrmals. Erst fällt er auf das eine Blatt, dort nimmt er Anlauf und fällt dann mit Schwung auf das nächste Blatt, nimmt wieder Schwung und so weiter.



Kann man Stille kaufen? Bei wem?

Wochenendseminare in Klöstern jeglicher Ausrichtung, gerne katholisch oder buddhistisch, haben guten Zuwachs. Allerdings scheinen selbst Mönche die totale Stille nicht aushalten zu können. Die Buddhisten haben Gebetsmühlen (sehr laut übrigens) und ihre katholische Pendants, üben sich fünf mal täglich im Singen. Können sie ihr eigenes Schweigen nicht ertragen oder muss man zwischendurch laut sein das Schweigen unterbrechen, weil die Wirkung sonst verfliegt? Leiden Mönche die schweigen und nicht singen oder Gebetsmühlen mahlen an einer Schweigeüberdosis und wie sieht so was aus?

Stille, für die spirituelle Begegnung des Einzelnen, scheint es ausserhalb von Klöstern nicht zu geben. Eventuell in katholischen Kirchen, die evangelischen sind ausserhalb der Gottesdienste auf jeden Fall abgeschlossen. Dort ist es dann zwar still aber man kann es nicht geniessen, weil man nicht rein kann.

Sei still und wisse, daß ich Gott bin! Weiß ich nicht wer Gott ist, weil ich nicht still bin? Warum ist es in religiösen Veranstaltungen dann nie still? Jede Stille wird versungenen, hintergründig visualisiert oder weggechantet. Wollen die Veranstalter nicht, dass ich weiß wer Gott ist?



Könnten wir denn wenn es Still wäre, still sein?

Wie lang einen Minute ist, weiß ich immer, wenn mal wieder öffentlich für etwas geschwiegen wird. Wie viele Gedanken in eine Minute passen, überwältigend. „Jetzt bloss nicht Husten müssen. Am besten auch nicht laut atmen. Oh Gott, hoffentlich muss ich nicht pupsen.“ Letzteren Gedanken, kann man noch schön weiterverfolgen. Welcher Pups wäre weniger schlimm? Ein Lauter? Dann schauen sich alle um, wo er herkam. Aber er stinkt nicht. Oder ein Leiser? Da ist der Verursacher schwerer zu ermitteln. Aber er stinkt gewaltig. Mit Sicherheit hat man meistens die Minute nicht in Stille verbracht, man hat nur nichts gesagt.

Paare in Cafes, in Autos an Ampeln die schweigen. Haben die Stille? Diese gemeinsame Schweigen in dem man sein darf, ohne etwas tun oder denken zu müssen, das reine Stoffwechseln eben und das auch noch zu zweit. Ich oft denke wir in solchen Situationen: „Die haben sich nichts mehr zu sagen. Die Beziehung ist zerrüttet. Man, müssen die gestritten haben.“ Wie wahrscheinlich finde ich, daß sie nur ihren Gedanken nachhängen? Was wäre wenn sie, einen außergewöhnlichen Quicki auf der Damentoilette oder einem abgelegen Parkplatz hatten und nun postkoital, einvernehmlich schweigen? Nicht möglich? Sie müssten doch darüber reden wie es war, die üblichen Floskeln der Sexualbenotung liefern.



Können wir überhaupt noch miteinander schweigen und uns dabei gut fühlen?

Ist das nicht ungewöhnlich, sogar ein bisschen peinlich. Vielleicht sind dem Gesprächsgegenüber die Worte ausgegangen. Wortbankrott! Kommunikativer Crash an der Smalltalkbörse. Jetzt schnell helfen, die Situation stabilisieren, schnell eine Milliarde Worte in den anderen investieren, damit die Wortwirtschaft, das große Bla-Bla gefestigt wird.

Warum sehnen wir uns so nach Stille?

Wir sind so medial überdosiert, Reizüberflutet, Konsumgesteuert ja-ja-ja ist bekannt. Aber die Frage war, warum sehen wir uns nach Stille, nicht warum haben wir keine.

Eventuell glauben wir in der Stille etwas ähnliches zu finden, wie damals im Mutterleib. Keine Forderungen, Keine to-do Liste, keine Ziele die erreicht werden müssen, blosses sein. Ein Gefühl das man akustisch und sensorisch in der Badewanne imitieren kann, wenn man bis zu den Ohren eintaucht. Allerdings schauen die Knie raus.

Übrigens haben einige der heute wachsenden Embryos nicht mehr ds Glück nur sein zu dürfen. Sie werde durch Kopfhörer auf Mütterbäuchen mit Klassik beschallt, damit sie musikalisch begabt auf die Welt kommen. Eine Studie hat das bewiesen. Wie viele der Kinder ihre Blockflöte verbrannt und Dudelsack lernten um es ihren Eltern heim zu zahlen, wurde in der Studie nicht erforscht..



Kann man Stille kaufen?

Man kann Stille in der zu Anfang genannte Definition nicht kaufen, aber man könnte Haushaltsgeräte kaufen, die absolut still sind, nicht „flüsterleise“ sondern absolut geräuschlos.

Man könnte. Sie wurden auch hergestellt, gingen aber nie in Produktion, weil die Testpersonen nicht glauben konnten, dass die die Geräte funktionieren.

Das lief vielleicht so ab: Testpersonen schauen irritiert auf ihre Geräte. Angeblich laufen sie, aber man hört ja nichts, also sind sie wohl doch kaputt. Ganz bestimmt sind sie kaputt, anders kann es nicht sein. Die Testpersonen versuchen die Geräte zu öffnen und machen dabei, irgendetwas ganz teures kaputt. Also bauen die Ingeneure große, leuchtende Knöpf in die Geräte ein, nennen sie Kontrolleuchten und versichern den Testpersonen, dass solange diese Knöpfe leuchten, die Geräte garantiert arbeiten.

Aber die Testpersonen können es nicht glauben, fühlen ob was an der Maschine vibriert oder schaukelt – das geschieht aber nicht, das würde nämlich die Geräusche machen – und werden ganz nervös. Nervöse Kunden will kein Unternehmen, die Unternehmen wollen zufriedene, entspannte Kunden und so werden die Geräte jetzt in flüsterleise statt in totenstill geliefert.


So und jetzt aber wirklich still, still, still weil ich endlich still sein will..

24 Oktober 2009

Krieg und Frieden

Kalt und laut. Krach. Der Bombenhagel, oft unerwartet aber alls bedrohend. Flucht in den Bunker, den sicheren Unterstand und dort das ängstliche Lauschen auf die Graten und das Fallen der Häuser.

Um mich herum, im Schutzbunker lauter Verrückte, Verängstigte, die haben Probleme. Nur ich habe wirklich alles verloren. Doch je länger die Nacht wird und wir dort im Bunker auf die Stille nach dem Kriegssturm warten, desto mehr entdecke ich: wir alle haben alles verloren, wenn wir im Bunker sitzen.

Dann das Aufmachen zur Resistance.

Ich nehme den Kampf auf und notfalls bombe ich mir den Weg, zu meinem persönlichen Frieden, frei. Tod den Unterdrückern. Jeder ist gleich; niemand ist gleicher.

Darauf die Tage und Wochen , Monate des Wiederaufbaus. Wirtschaftswunderjahre. Aus der Kriegsasche steigt der Friedensphoenix. Neue Märkte und Häfen werden entdeckt, das Leben ist ein einziger Sommer und alles scheint möglich, ist es dann auch. Und im Hintergrund singt Heinz Erhard.

Zuviel der Harmonie, der Rebell steht auf und hinterfragt die neuen Gesetzte zur friedlichen Koexistenz.

Es muss ausschweifend sein, gierig das alte vergessen machen. Nie mehr Armut auch nie mehr Völlerei. Neue Grenzen werden verhandelt. Möglichst den nächsten Krieg verhindern und dennoch Gewinn machen. Am Rande zum Krieg am Rande zum Frieden leben und weinen und jammern, weil man nirgends ganz dazu gehört.

07 September 2009

Ich weiß, was ich in den Ferien gelernt habe.....

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Erlebt habe ich viel. Einen Umzug nach Holland, Regen im Zelt auf dem Campingplatz, Sauna mit der Besten, Kaffe trinken und Frühstücken, Ibiza - Westend- der Berg - Tom Novy - Space - Monza- Strand - Paella, Sauna im PAlm Beach, LOST, Häusliche Krankenpflege, Freunde.....
Ich habe auch etwas grundlegendes gelernt.
In all dem Globalisierungswust, dem - wir - sind - eine - Welt - und - rücken - immer - näher - zusammen - Gerede, entstehen kleine und große Welten, die uns wieder voneinander trennen.
35 Jahre und in Hückeswagen sind nicht 35 Jahre und in Stuttgart, Party in Stuttgart ist nicht wie PArty im Westend oder im Space, ein Reihenhaus in einer Kleinstadt in Nordreihnwestfalen ist nicht das gleiche wie ein Reihenhaus in Zeeland und noch weniger wie ein Haus auf einem Berg in Ibiza.
All die Ratschläge und Ideen, die man so gibt, gehen von den eigene Erfahrungen und Werten in der eigene kleinen Welt aus. Sind sie auch gültig für die Welt der anderen?

ein Heiku

Da ich für die Schreibwerkstatt die August Hausaufgabe nicht rechtzeitig fertig hatte, muss der ehrenwerte Leser meinen Erguss hier lesen.

wo ist mein Platz hier?
bin nicht dort - nicht wirklich hier
werd´den Platz finden

19 Juli 2009

Der Fleischklops

Da sitzt er und sabbert sich voll, mein Bruder. Das tut er nun seit sechsundzwanzig Jahren vier Monaten und drei Tagen.

Woher ich das so genau weiß? An dem Tag wurde mein Leben versaut. Dieser Fleischklops, so nenne ich ihn, meine Eltern nennen ihn Frank, kam drei Monate zu früh auf die Welt. Er hatte die Nabelschnur um den Hals gewickelt und sein Rücken war offen. In Fachkreisen heist es Spina Bifida.

Davon gibt es mehrere Formen. Die Meisten sind nicht weiter schlimm, die vom Fleischklops schon. Ausserdem ist er gelähmt, kauen und schlucken kann er auch nicht richtig und er kann nicht sprechen.

Wenn er wenigsten so wäre wie Steven Hawkins. Der ist zwar auch ein Fleischklops, aber ein Fleischklops mit Gehirn.

Es piept. Beim Fleischklumpen piept immer irgendetwas, meist der Automat über den er ernährt wird. Manchmal piept auch das Teil an seinem Finger, es mißt irgendwie ob er genug Sauerstoff hat. Als ob ein Sauerstoffmangel irgendetwas verschlechtern könnte.

Es piept weiter. Meine Mutter regelt das mit dem Piepen immer. Ich weiß nicht was piept und wenn ich es wüsste, könnte ich es nicht abstellen.

So war das schon immer. Der Fleischklops liegt oder sitzt in diesem unendlich teuren Rollstuhl, irgendetwas piept und meine Eltern stürzen herein und drehen, drücken, schrauben an den Knöpfen der Geräte herum. Das Piepen hört auf und sie streicheln ihn, reden mit ihm.

Ich wollte ihn heilen, damals als er so winzig und krüppelig aus dem Krankenhaus kam. Ich hatte den Zauberstab im Kindergarten gebastelt, damit ich Frank damit heilen konnte. Jeden Tag, nach dem Kindergarten stand ich vor seinem Bett, mit all den Kabeln und Knöpfen und sagte selbst ausgedachte Zaubersprüche auf. Sie halfen nicht.

Ich durfte nicht an ihn ran, ihn nicht berühren weil meine Eltern Angst hatten ich würde an einen der Knöpfe kommen.

Ich hörte auf ihn zu besuchen. Ignoriert sein Zimmer.

In der Grundschule erzählte ich noch das mein Bruder krank sei.

Als ich aufs Gymnasium kam, war er für mich nur noch der Fleischklops, der bei uns am Leben gehalten wird.

Es piept immer noch. Meine Mutter kommt nicht rein und drückt irgendeinen Knopf. Das Piepen hört nicht auf.

Als ich zu Hause ankam lächelte sie mich an und fragte,warum ich Marie nicht mitgebracht habe. Sie begreift es nicht. Ich kann Marie nicht von Dem Fleischklops erzählen. Es ist einfach nicht normal so was in der Familie zu haben und zu versorgen.

Das meine Freundin an meinem dreißigsten Geburtstag fehlt, habe ich mir nicht ausgesucht. Meine Eltern wollten unbedingt den Fleischklops dabei haben und ich kann ihnen nicht erzählen, was ich über ihn denke, das würde sie fertig machen.

Also ist der Fleischklops dabei und Marie eben nicht.

Aber meine Eltern sind nicht da. Sie haben mich mit dem Klops und all seinen piependen Geräten alleingelassen. Scheiße vielleicht ist es doch wichtig. O.K. Jetzt ganz ruhig bleiben. Ich geh zu seinem Rolli und sehe mir sie Geräte in Ruhe an. So schwer kann es ja nicht sein. Scheiße das Sauerstoffmessdings piept, es hat kein Signal. Wo bleiben meine Eltern? Scheiße, Scheiße, Scheiße er erstickt. Nein halt ich hör ihn ja atmen, dieses Schleimrasselnde ein und ausatmen. OK er atmet. Ich verfolge das Kabel vom Gerät bis zu dem Teil, das an seinem Finger steckt. Es liegt am Boden. Ich hebe es auf, stecke es wieder an seinen Finger und es hört auf zu piepen.

Ich bin schweißgebadet, schaue auf Klops und der sieht aus, als würde er grinsen.

Es piept wieder.

Scheiße, wieder kein Signal für das Sauerstoffmessteil. Ich schaue nach, das Fingerding ist wieder abgefallen. Ich hebe es auf und stecke es wieder an seinen Finger.

Er grinst wirklich. Ich schaue auf seine Finger und sehe, wie er mit dem Mittelfinger das Messteil von seinem Zeigefinger abstreift. Es piept, ich hebe es auf stecke es wieder an seinen Finger und er grinst.

Er macht das mit Absicht. Wenn er das mit Absicht macht, hat er ein Gehirn und er versteht mich, irgendwie.

Ich frage nach: „Machst Du das mit Absicht?“. Er schiebt es wieder von seinem Finger, grinst.

Scheiße, der versteht mich. Hat er mich schon immer verstanden? „Hast du mich immer verstanden, wenn ich mit dir geredet habe?“ Er zieht seinen Röchelrotz tief hoch und grinst. Ein ja.

„Frank“, ich stocke, schäme mich, will es ihm sagen, aber was soll ich sagen?

Soll ich ihm sagen, daß mir all die Male die ich ihn einen blöden Fleischklops genannt habe leid tun?

Soll ich ihm sagen, daß mit meine Eifersucht leid tut? Das ich ihm nicht wirklich den Tod gewünscht habe, als ich völlig besoffen an meinem sehzehnten Geburtstag in seinem Zimmer rumgebrüllt habe, bis meine Eltern kamen. Soll ich all das sagen?

Er röchlerotzt, hustet. Ich schaue ihn an. Er weint, schaut mich abwartend an, versucht etwas, das wohl ein Lächeln sein soll. Ich schäme mich.

Er sieht die Luft tief ein, so das eine Art Pfeifen entsteht.

Meine Eltern kommen rein. Mein Vater geht vorne weg, eine Torte mit dreißig Kerzen in der Hand, mein Mutter steht hinter ihm, die Thermokanne mit dem Kaffe in der Hand. Sie singen Happy Birthday, wollen das ich die Kerzen ausblase, mir was wünsche.

Es piept, meine Mutter springt zu Frank hin, steckt das Messteil wieder an seinen Finger; er grinst.

„Ich möchte gerne mit Franke zusammen die Kerzen ausblasen“. Er röchelrotzt so viel lauter als sonst, ich puste wie wild und die Kerzen gehen aus.

Ich wünsche mir Vergebung.